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Der Turm der vielen Namen

86 Meter hoch, 87 Jahre alt und voller Geschichten: Das Kölner Wahrzeichen „op dr schäl Sick“.

Der "Lüginsland" 1928

30 Pfennig war der Preis für das schönste Köln-Panorama der Zwanziger Jahre. Gemütlich schnurrte der Aufzug hoch zur Aussichtsplattform des „Lüginsland“ („Schau ins Land“), wie die Kölnern den schlanken Ziegelbau nannten, der sich seit 1927 „op dr schäl Sick“, dem rechten Rheinufer Kölns, fast 86 Meter in die Höhe reckte. Der Blick auf den Dom, die Hohenzollernbrücke, die unzähligen Kirchtürme, den Rhein und bei gutem Wetter bis zum Siebengebirge machte die Kölner staunen. Im Café auf der 17. Etage wurde zur Fernsicht Mokka und Kuchen serviert und so wurde der „Lüginsland“ schnell zur Attraktion.

Eigentlich hieß der „Lüginsland“ jedoch „Pressa-Turm“, denn er war anlässlich der internationalen Presse-Ausstellung Pressa errichtet worden. Und er sollte auch nicht in erster Linie Aussichtspunkt sein, sondern ein neues, zeitgemäßes Symbol für die Handelsmetropole Köln, die sich am Ende der Zwanzigerjahre von den Spätfolgen des Ersten Weltkriegs erholte und dies aller Welt zu zeigen gedachte. Dementsprechend wurde der Turm mit einer Bronze-Plastik von Hans Wissel gekrönt, die den Handel, die Industrie, die Kunst und den Rhein verkörperte.

Der IVA-Turm nach dem Krieg: Auch Konrad Adenauer saß im Messelager einWenige Jahre später machte die Messe ihren Turm zum Werbeträger: als überdimensionale „Litfaßsäule“ wurde er erstmals 1939 benutzt, damals warb die Messegesellschaft für die internationale Verkehrsausstellung (IVA), die im Folgejahr auf dem Gelände stattfinden sollte, und brachte drei große Buchstaben an der Fassade des Turms an: IVA. Die IVA fand indes nie statt, da inzwischen der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war. Teile des Messegeländes wurden in der Folge beschlagnahmt und als Lager für Kölner Juden, Sinti und Roma, für politische Häftlinge und als Außenlager des KZs Buchenwald für Kriegsgefangene zweckentfremdet. Die Reklame am Turm aber blieb und wurde ungewollt zum Namensgeber des „Messelagers“: Insassen nannten ihr Gefängnis „IVA-Lager“ und der Turm verwandelte sich vom Symbol des Fortschritts zum Mahnmal von Gefangenschaft und Verbrechen.

Der Turm nach dem Krieg: Schwer beschädigt

Nach dem Krieg lag Köln in Schutt und Asche und der Turm zählte zu den Kriegsversehrten, um die sich zunächst niemand scherte. Wichtigeres gab es, etwa den Wiederaufbau der Messehallen. Gut zehn Jahre dauerte es, bis ein prominenter Künstler den Messeturm aus seinem Dornröschenschlaf weckte: Der österreichische Maler und Adenauer-Porträtist Oskar Kokoschka bestieg den Turm mit Staffelei, Palette, Pinseln und Farben und malte 1956 von oben aus seine berühmte Kölner Stadtansicht, die heute das Museum Ludwig ausstellt. Oskar Kokoschka hinterließ Köln ein bedeutendes Kunstwerk und seine Spuren im Turm: Als Messemitarbeiter Hans Dieter van Loon den Turm in den 1960er Jahren für die geplante Renovierung inspizierte, fand er Kokoschkas Malutensilien – zunächst ohne zu ahnen, dass damit ein Meisterwerk entstanden war.

1967 begann die Renovierung des Turms: ein Kran hievte die die Bronze-Plastik zurück auf den Scheitel des Turms, der IVA-Schriftzug wurde abmontiert und durch ein gelb leuchtendes 4711 ersetzt: Aus dem unansehnlichen Mahnmal war ein Flacon aus Ziegeln geworden. Die unübersehbare Werbung für das Duftwässerchen vom Rhein brachte dem Bauwerk einen neuen Namen ein: 4711-Turm.

Messeturm van LoonSo sollte er denn auch für die nächsten Jahrzehnte heißen. In den 1970er Jahren schuf die Messe auf den unteren Geschossebenen Konferenzräume, auf der obersten Etage öffnete die Aussichtsplattform wieder, gleich darunter zog ein Restaurant für 80 Gäste ein. Jahrelang galt das Panorama-Lokal des Pächters Blatzheim als der Klassiker für Tagestouristen, die nach Köln kamen. Elegant war sowohl die Einrichtung wie auch die Speisekarte: Dank des Schweinefilets mit Macairekartoffeln auf dem Teller, dank des Crevettencocktails Hawaii in der Hand und dem Halogen-Sternenhimmel über dem Kopf erlebte so mancher, vornehmlich älterer Gast 80 Meter über dem Rhein den Höhepunkt eines Tagesausflugs nach Köln.

Der Messeturm mit Messelogo

Doch die Zeiten änderten sich nach der Jahrtausendwende abermals. Es begann der Umzug der Messe von den Rheinhallen auf das Nordgelände und auch das Restaurant verließ den Messeturm, nachdem dieser gut zehn Jahre lang das messegrüne Koelnmesse-Logo getragen hatte und seinen endgültigen Namen erhalten hatte. Nach dem Einzug der RTL-Mediengruppe in die Rheinhallen, drückte das Unternehmen dem großen schlanken Wahrzeichen seinen Stempel aus: Seitdem prangen RTL, VOX und ntv am leerstehenden Turm.

Der Messeturm ist heute mehr als ein Wahrzeichen: er ist ein Zeitzeuge aus rotem Backstein und jede Ära, die er erlebte, erfand für ihn einen neuen Zweck und gab ihm einen neuen Namen: Lüginsland, Pressa-Turm, IVA-Turm, 4711-Turm, Messeturm… Bei letzterem ist es – vorerst – geblieben.

1 Kommentar

  1. Sven | |

    Ich kannte den Turm schon gar nicht mehr mit „Koelnmesse“-Schriftzug, sondern nur mit den RTL, VOX, n-tv und Super RTL -Logos. Eine spannende Geschichte, die hinter dem Turm steckt, ich hätte gedacht, dass einfach nur immer die Logos ausgetauscht wurden. Schade, dass RTL kein Studio im ehemaligen Restaurant eingerichtet hat, wäre bestimmt eine tolle Aussicht.

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